| |
|
Christlich-Islamisches Dialogforum
|
| |
| Autor |
Nachricht |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
26.02.2006 21:26 |
|
|
I
Das Gros der erziehlichen Handlungen wird ja unreflektiert vorgenommen und bleibt auch unreflektiert. Im Blick auf eine gewohnte oder erwünschte Ordnung im Zusammenleben der Familie und auf ihre Einbettung in ihr soziales Umfeld sind sie den Handelnden selbstverständlicher Ausdruck ihrer Werthaltungen.
Im Falle des Konflikts, der Krise oder des Umbruchs, wenn nämlich die Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit des Handelns in Frage steht, werden die Handlungsgrundlagen, die Lebensprinzipien, das gelebte Menschenbild, die Erziehungsgrundsätze und -ziele mehr oder weniger deutlich ins Bewusstsein gehoben. Dies dürfte in jedem Falle auf die Erziehung von jungen Menschen in der Reifezeit zutreffen.
II
Der Einfluss der Erziehung auf die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen ist nicht exklusiv; Erziehung hat es immer auch zu tun mit der Eigendynamik der jungen Seele, die gerade in der Reifezeit in dem mehr oder weniger heftig erwachenden Wunsch nach einer verlässlichen und erfüllenden Liebesbeziehung einen starken Auftrieb bekommt. Damit geht aber notwendigerweise eine Ablösung aus der Geborgenheit der elterlichen Familie und der in ihrem Rahmen einzig möglichen autoerotischen Befriedigung sexueller Bedürfnisse einher.
Die Frage, wie sich die erzieherischen Instanzen auf die Sehnsucht des jungen Menschen nach leiblich und seelisch erfüllender Nähe zu einem geliebten Du einstellen, dürfte von zentraler Bedeutung für die Orientierung und für das Gelingen der psychosozialen Entwicklung eines jungen Menschen sein. Das gilt vor allem für die Einstellung der Erziehung auf die Diskrepanz zwischen geistig-seelischer Reife einerseits und der ihr vorauseilenden körperlich-physiologischen Entwicklung, in der Regel verknüpft mit sexueller Beunruhigung und Triebverstärkung, andererseits. (Dass ich die geistig-seelische Reife eines Menschen an den Anforderungen und Angeboten messe, die in einer facettenreichen, pluralistischen, nichtpatriarchalischen Gesellschaft an seine Fähigkeit zur Teilhabe und verantworteten Selbstständigkeit gerichtet sind, sei vorsorglich erwähnt.)
III
Nach allem, was ich gehört und gelesen habe, liegt Muslimen eine Antwort auf diese Frage nahe, die unter den Stichworten "Frühehe" und "Zwangsverheiratung" oft auf Unverständnis und Kritik stößt. Ich versuche, sie zu verstehen, und bitte erforderlichenfalls um Korrektur.
a) Es gilt das islamische Prinzip: Kein Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe!
b) Nun hat aber schon das Kind Sexualität und mehr oder weniger starke sexuelle Bedürfnisse.
c) Daher soll so früh wie möglich eine Ehe eingegangen werden.
d) Solange noch nicht die Fähigkeit entwickelt ist, die Entscheidung für eine lebenslange Bindung eigenverantwortlich zu treffen, muss die Entscheidung über den Zeitpunkt und die konkrete Partnerwahl vormundschaftlich getroffen werden.
e) Die eheliche Lustbefriedigung ist gottgefällig genau dann, wenn sie gegenseitige Achtung und Verantwortung zur Grundlage hat (also keinesfalls ein Benutzungs- oder Ausbeutungsverhältnis).
f) Daher ist der Setzung, dass eine Ehe so früh wie möglich zu schließen ist, als Schranke beizufügen, dass zumindest der Möglichkeit nach die Fähigkeit entwickelt sein muss, sich auf einen (gleichberechtigten) Partner dauerhaft und verantwortungsvoll einzustellen.
IV
Sollte ich den muslimischen Denkansatz nicht völlig falsch verstanden haben und sollte er maßgeblich sein für ein islamisches Erziehungskonzept, liegt mir zum Kindesbild des Islam eine Verständnisfrage am Herzen. Ich möchte aber etwaige Stellungnahmen und Korrekturen berücksichtigen. Auch bin ich mir nicht im klaren darüber, inwieweit das islamische Idealkonzept für die Reifezeit ethnokulturelle und gesellschaftsspezifische Differenzierungen enthält oder zulässt.
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 11:34 |
|
|
|
|
 |
Pixel
Stammposter
-

Beiträge: 343
Herkunft:
|
Geschrieben:
03.03.2006 02:50 |
|
|
Liebe Johanna,
wenn meine Überzeugung maßgeblich wäre, hätte ich Dir geantwortet. Doch bin ich weder Muslim, noch habe ich Kinder und verheitratet bin ich ebenfalls nicht.
Friede sei mit Dir.
MFG Pixel
____________________________________
"Niemand hat das Recht zu gehorchen!"
(Hannah Arendt)
|
|
|
|
|
 |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
03.03.2006 05:25 |
|
|
Lieber Pix,
deine Anschauung schätze ich als eine der maßgeblichen; gern läse ich deine Stellungnahme, wenn nicht hier, so in einer E-Mail. Dieser Kommunikationskanal steht auch allen anderen offen, die sich aus dem einen oder anderen Grund im Forum nicht äußern mögen.
Mit freundlichem Gruß
J.
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 11:35 |
|
|
|
|
 |
Elisabeth
Stammposter
-

Beiträge: 30
Herkunft: Bayern
|
Geschrieben:
03.03.2006 19:39 |
|
|
Quote:
Nach allem, was ich gehört und gelesen habe, liegt Muslimen eine Antwort auf diese Frage nahe, die unter den Stichworten "Frühehe" und "Zwangsverheiratung" oft auf Unverständnis und Kritik stößt. Ich versuche, sie zu verstehen, und bitte erforderlichenfalls um Korrektur.
a) Es gilt das islamische Prinzip: Kein Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe!
Richtig
Quote:
b) Nun hat aber schon das Kind Sexualität und mehr oder weniger starke sexuelle Bedürfnisse.
kannst du diese Behauptung näher definieren, ggf. belegen?
Plädierst du für sexuelle Handlungen mit Minderjährigen, die nach dem Gesetz verboten sind?
Ich bin nciht sicher, ob ich dich hier richtig verstanden habe!
Quote:
c) Daher soll so früh wie möglich eine Ehe eingegangen werden.
Dies ist kein zwingendes Gebot, sondern eine Möglichkeit. Nichts desto trotz gibt es auch im Islam ein Mindestalter, das je nach soziokulturellen Gegebenheiten unterschiedlich sein kann. Es kommt vor allem auf die persönlcihe Reife des jungen Menschen an. Bekanntlich können 19-jährige manchmal reifer sein als 30 Jährige!
Quote:
d) Solange noch nicht die Fähigkeit entwickelt ist, die Entscheidung für eine lebenslange Bindung eigenverantwortlich zu treffen, muss die Entscheidung über den Zeitpunkt und die konkrete Partnerwahl vormundschaftlich getroffen werden.
Nein, das ist nicht richtig. Es ist zwar nach wie vor so, dass oft das Kennenlernen von den Eltern arrangiert wird, die Entscheidung über die Heirat darf ausschließlich von den beiden "Heiratskandidaten" ausgehen.
Es gibt hierzu Überlieferungen, dass der Prophet die Ehe für ungültig erklärt hat, wenn die Braut nicht ihre Meinung dazu äußern durtfe!
Quote:
e) Die eheliche Lustbefriedigung ist gottgefällig genau dann, wenn sie gegenseitige Achtung und Verantwortung zur Grundlage hat (also keinesfalls ein Benutzungs- oder Ausbeutungsverhältnis).
Richtig!
Quote:
f) Daher ist der Setzung, dass eine Ehe so früh wie möglich zu schließen ist, als Schranke beizufügen, dass zumindest der Möglichkeit nach die Fähigkeit entwickelt sein muss, sich auf einen (gleichberechtigten) Partner dauerhaft und verantwortungsvoll einzustellen.
Siehe oben: erforderliche geistige Reife. (kann vom Alter unabhängig sein!)
Quote:
IV
Sollte ich den muslimischen Denkansatz nicht völlig falsch verstanden haben und sollte er maßgeblich sein für ein islamisches Erziehungskonzept, liegt mir zum Kindesbild des Islam eine Verständnisfrage am Herzen. Ich möchte aber etwaige Stellungnahmen und Korrekturen berücksichtigen. Auch bin ich mir nicht im klaren darüber, inwieweit das islamische Idealkonzept für die Reifezeit ethnokulturelle und gesellschaftsspezifische Differenzierungen enthält oder zulässt.
Da die Reife eben nicht mit Zahlen angegeben ist, sondern die Vorstellugn von Reife relativ frei gehalten ist, gibt es entsprechende Differenzierungsmöglichkeiten.
z.B. in der arabischen Gesellschaft im 7. Jhd. war es durchaus möglich, dass junge Menschen mit 15 Jahren genügend Reife für eine Heirat hatten.
Wohingegen im heutigen Mitteleuropa die "Heiratsreife" in den meisten Fällen erst im zunehmenden Lebensalter gegeben ist!
Ich hoffe, deine Fragen ein wenig ausgeleuchtet zu haben.
Salam
Elisabeth
____________________________________
Tut nicht Unrecht, auf dass ihr kein Unrecht erleidet. Koran 2/279
|
|
|
|
|
 |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
05.03.2006 11:07 |
|
|
Liebe Elisabeth,
vielen Dank für deine Antworten.
Zur Frage der kindlichen Sexualität: Auf Grund eigener lebensgeschichtlicher Rückschau, auf Grund von Gesprächen mit Erwachsenen und Heranwachsenden, auf Grund von Erinnerungen an die Kindheit meiner Tochter und auf Grund von Beobachtungen bei meinem Enkelsohn sehe ich es als völlig haltlos an, die Kindheit als asexuelle Zeit anzusehen. Diese Ansicht halte ich, die ich die Sexualtheorie Sigmund Freuds nicht vollständig und nicht vorbehaltlos übernehme, für einen folgenreichen, weil häufig seelenverbiegenden Fehler. Die Sexualität des Erwachsenen ist das Endprodukt eines komplexen Entwicklungsprozesses, der in der Kindheit ansetzt. Ignoriert die Erziehung diese Ansätze, tabuisiert sie sie oder verteufelt sie sie gar, dann behindert sie die Entwicklung zur psychosexuellen Reife, die ein Erwachsener haben kann, mit der Folge, dass die Persönlichkeit auch in anderen zentralen Teilaspekten infantil bleibt.
Quote: Plädierst du für sexuelle Handlungen mit Minderjährigen, die nach dem Gesetz verboten sind?
Ich nehme dir diese Frage nicht krumm, Elisabeth. Wer von der Sexualität des Kindes spricht, sieht sich besonders seit einem Vierteljahrhundert schnell dem Verdacht oder Vorwurf der "Verführung und Sexualisierung" von Kindern ausgesetzt (siehe pro familia: "lieben - kuscheln - schmusen"). Diskriminierung des Redens über Tabuisiertes bestimmt die (Un-)Kultur des Diskurses wesentlich mit; schlimmer: sie beeinträchtigt die Weiterentwicklung pädagogisch-psychologisch angemessener Praxis.
Da ja auch zu fragen ist, wie sexuell kindliche Sexualität denn sei. weise ich auf einen Aufsatz von Ina-Maria Philipps hin.
Übrigens kann man sich für den Einstieg auch getrost des einschlägigen Wikipedia-Artikels "Kindliche Sexualität" bedienen.
Zur Frage der Eigenständigkeit der Entscheidung über den Zeitpunkt und die konkrete Partnerwahl schreibst du:
Quote: [...] Die Entscheidung über die Heirat darf ausschließlich von den beiden "Heiratskandidaten" ausgehen.
Das ist schön zu hören. Es dürfte aber nach den Erfahrungen in meinem muslimischen Bekanntenkreis auch konträr gesehen werden. Ich kann die Entscheidung eines zum Zeitpunkt ihrer Verheiratung die zweite Klasse besuchenden Mädchens nicht anerkennen, vor allem da sie getroffen wurde, um dem Vater keine Schande zu machen, was, wie mir die Brüder erzählten, diesen im übrigen sehr wahrscheinlich dazu gebracht hätte, die Tochter zu erschlagen.
Du schreibst weiter: Quote: Es gibt hierzu Überlieferungen, dass der Prophet die Ehe für ungültig erklärt hat, wenn die Braut nicht ihre Meinung dazu äußern durtfe!
Das spricht für die Weisheit des Propheten. Allerdings ist die Definition dessen, was unter einer Meinungsäußerung der Braut zu verstehen sei, äußerst weitgehend und somit fragwürdig: Quote: SAHIH BUKHARI, BOOK 62: Wedlock, Marriage (Nikaah)
Volume 7, Book 62, Number 67:
Narrated Abu Huraira:
The Prophet said, "A matron should not be given in marriage except after consulting her; and a virgin should not be given in marriage except after her permission." The people asked, "O Allah's Apostle! How can we know her permission?" He said, "Her silence (indicates her permission)."
Volume 7, Book 62, Number 68:
Narrated 'Aisha:
I said, "O Allah's Apostle! A virgin feels shy." He said, "Her consent is (expressed by) her silence."
Ich habe als Kind zu so vielen mich überfordernden oder kränkenden Fragen und Anträgen geschwiegen, dass ich mir im nachhinein noch energischst verbitte, mein eingeschüchtertes Verhalten als Zustimmung zu interpretieren. Darf ich dies auch stellvertretend für jede Jungfrau in ähnlicher Lage sagen? Ich tu's. Für sexuelle Beziehungen soll der Grundsatz der sexuellen Selbstbestimmung, und zwar hinsichtlich der Fähigkeit zu ihr und hinsichtlich ihrer Faktizität, gelten. Diesen Grundsatz mache ich gegen jede tatsächlich existierende oder erdenkliche Kultur auf der Welt geltend, die anderslautende Gestattungen enthielte.
Mit freundlichem Gruß
Johanna
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 11:40 |
|
|
|
|
 |
Forumsleitung M
Stammposter
-

Beiträge: 79
Herkunft:
|
Geschrieben:
05.03.2006 12:59 |
|
|
Hallo und Salam.
Liebe Johanna,
im Grunde denke ich auch, dass ein Kind durch sein Schweigen keinesfalls immer seine Zustimmung kundtut. Allerdings wird im erwähnten Hadith zunächst mal gar nicht über das Alter der Betreffenden Jungfrau erwähnt.
Wenn wir die von Elizabeth erforderliche geistige Reife hinzuziehen, sieht das Ergebnis schon ganz anders aus, denn dann sollte die Frau ihr Unbehagen/Ablehnen durchaus deutlich machen können.
Ich persönlich halte die Einschränkungen zum Schutze der Jugendlichen, die das Deutsche Gesetz hier macht, für gut und richtig, da sie die geistige Reife der Heiratswilligen vorrauszusetzen sucht.
->Heiratsmöglich ab 16 Jahren, bei Minderjährigen nur mit Einverständnis der Eltern
-> nach meinem Verständnis nicht als Bestimmung, dass diese entscheiden, ob der Partner genehm ist, sondern weil die Eltern die Reife ihres Kindes am ehesten beurteilen können (sollten).
Waassalam.
Sorry, habe erst nach dem Abschicken drangedacht, dass ich noch als Forumsleitung eingeloggt bin...
bearbeitet von Forumsleitung M am 05.03.2006 13:00 |
|
|
|
|
 |
Elisabeth
Stammposter
-

Beiträge: 30
Herkunft: Bayern
|
Geschrieben:
06.03.2006 20:59 |
|
|
Salam
wenn ein Kind in der zweiten Klasse verheiratet wird dann kann eswohl kaum die entsprechende Reife haben. Eine Eheschließung wäre nach dem Islam ungültig.
Leider sind die Grenzen zur Zwangsehe fließend!
Ist es ein Zwang, wenn zwei Jugendliche in eine Heirat einwilligen, weil sie nie gelernt haben, eigene Wünsche zu artikulieren, oder weil die Familie sich bereits einig geworden man keine Schande machen möchte etc.
Die wirklich spektakulären Fälle mit Mord und Totschlag sind wohl eher die Ausnahme.
Leider lernen viele Mädchen bis heute nicht, dass sie ihr eigenes Leben leben können und müssen erst eine leidvolle Ehe durchmachen, um zu erkennen, was das Leben für sie zu bieten hat.
Andererseits erinnere ich mich aber an ein junges türkisches Mädchen, das mit ihrem Cousin verlobt wurde und unsterblich in ihn verliebt war! Auch eine Möglichkeit.
Meine Bauchschmerzen zum Thema kindliche Sexualität kann ich nciht verleugnen, denn z.B. ein "Doktorspielen" bei Kindergartenkindern hat nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit der natürlichen Neugierde am eigenen Körper. Wenn die Kids noch so unbefangen sind, alle Körperteile so interesseirt zu untersuchen wie z.B. die Nase und deren Inhalt so ist das eine wichtige Körpererfahrung.
Ich finde es gefährlich ein solches Tun auf Sexualtiät auszurichten.
Oft argumentieren pädophile Straftäter damit, das Kind hätte es selber gewollt oder er sei regelfrecht verführt worden.
Salam
Elisabeth
____________________________________
Tut nicht Unrecht, auf dass ihr kein Unrecht erleidet. Koran 2/279
|
|
|
|
|
 |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
26.03.2006 01:48 |
|
|
Liebe Elisabeth!
I.
Einerseits sehe ich in den von dir benannten kleinkindlichen Handlungen keinen wesentlichen Unterschied zu Handlungsspielarten erwachsener Sexualität. Jedenfalls hätte ich kein Verständnis für die Auffassung, die Sexualität sei auf die Erzeugung von Nachwuchs beschränkt und habe mit Neugier und Freude in Beziehung zum eigenen Leib und zu dem eines anderen Menschen nichts zu tun.
Auch der Sexualitätsbegriff Freuds umfasst unendlich mehr als nur den "Sex". Dass er sich mit den Bedürfnissen des Menschen nach urtümlichem sozialem Kontakt unter pathologischem Aspekt befasst hat, ist aus dem pathogenen Potential seines soziokulturellen Umfeldes, dem Viktorianismus, zu erklären, in dem der Mann in seiner Sexualität als Zeugungs- und die Frau in der ihren als Gebärapparat galt, ohne Recht und Aussicht, die eigene Leiblichkeit und die eines anderen reinen Gewissens als eine Quelle hohen Glücksgefühls zu betrachten, geschweige denn zu ergründen.
Wie ich bereits zu erzählen wusste: Quote: Eva und Adam sitzen entspannt auf einem Baumstamm am Tigris und lassen ihre Füße vom strömenden Nass umspülen. Ein Fischlein nippelt zu Evas Entzücken an den Kuppen ihrer Zehen. Adam findet seine Gespielin, wie sie juchzend die Augen schließt und ihre geöffneten Lippen in die frühe Abendsonne hebt, reizender als je zuvor und beschließt, sie und sich durch gelegentliches Zeh-Nippeln zu erfreuen.
Christlich-Islamisches Dialogforum: Éros und agápe, Hanna am 02.7.2005 09:30
Der dem Leib als etwas von Gott Erschaffenem misstrauende Christ legt es sich beispielsweise so zurecht: Quote: Als Eva den Adam zum ersten Mal berührte - so sah es Anna Katharina Emmerich -, war es keine Sünde, aber es wurde finsterer um die beiden.
Christlich-Islamisches Dialogforum: Von Adam und Eva, Gunther Maria Michel am 03.7.2005 00:42
Durch solche Sondergläubigkeit dürfte noch niemand in den Himmel gekommen sein, wohl aber in Teufels Küche auf Erden, sprich in krankmachende Bedrückung.
Andererseits bin ich geneigt, dir darin zuzustimmen, dass der Mensch, ob erwachsen oder Kind, auch solche intimen leibbezogenen Bedürfnisse und Erwartungen hat, die nicht sexueller Art sind. Ich habe nie akzeptiert, dass das basale Bedürfnis nach Körperkontakt im Reden von "erogenen Zonen" sexualistisch verkürzt und sexuell-technisch verkürzt wurde. Ich möchte den Menschen in seiner männlichen und weiblichen Version strikt unterschieden wissen von Aladins Wunderlampe, aus der etwas Glückbringendes herauskommt, wenn man an ihr rubbelt. Von Geburt an "schreit" unsere Haut nach der verlässlich bergenden, paradiesischen Nähe eines weichen, warmen, lebendigen Körpers. Das hat in der Tat nichts mit Fortpflanzung zu tun, sondern mit der notwendigen "Richtigkeit" unseres Lebens- und Selbstwert-Gefühls.
II.
Dass sich auf Kinder auch manche kranke und verbrecherische Phantasien und Übergriffe richten, kann kein Grund sein, den Gedanken an die Existenz kindlicher Sexualität zu verwerfen. Falls wir dennoch nicht von kindlicher Sexualität, sondern von kindlich neugierigem Spiel sprächen, änderte das nichts daran, dass Kinder missbrauchsgefährdet sind. Das Gegenteil könnte der Fall sein: eine Verharmlosung des Kindesmissbrauchs als eines Spiels mit dem Kind als Spielpartner.
III.
Unabhängig von unserer Terminologie sollten wir unser Erfahrungswissen nicht verdrängen. Energie, die auszudrücken einem Menschen unmöglich gemacht worden ist, verursacht Unbehagen. Ein Kleinkind, das unter zivilisierten Beschränkungen aufwächst (Kinderwagen, Laufstall, Babystuhl, Laufgurt statt Aufgehobensein beim mütterlichen Körper), «entdeckt [...] bald, dass der unbehagliche Überschuss sich zum Großteil in seinem Genital konzentriert und dass es, indem es dieses weiter erregt, die Überschussenergie im Rest des Körpers dazu bringen kann, dort hineinzufließen, bis genügend Druck angestaut ist, um Erleichterung zu bewirken. Auf diese Weise wird die Masturbation zum Sicherheitsventil für überschüssige, während der täglichen Aktivitäten eines Kindes nicht verbrauchte Energie»(*).
IV.
Von sich aus, naturgemäß, erlebt das Kind im Säuglingsalter und davor seine Leiblichkeit als "richtig". Von der Widerspiegelung in seiner sozialen Umgebung hängt es ab, ob es dabei bleibt. Ob das Kind sein beseeltes körperliches Selbst als ganzheitlich gewürdigt empfinden kann oder etwa der Nötigung ausgesetzt ist, sein Lustempfinden und Luststreben als etwas Unerwünschtes oder Abgelehntes auszugrenzen, bedeutet viel für die Entwicklung eines Bewusstseins der eigenen Würde als heiler Mensch, als wohlgeschaffenes Geschöpf, als liebenswerte(r) Liebende(r) in der Beziehung zu einem ebenfalls würdevollen, wohlgeschaffenen, liebenswerten Du. Wer als Kind gelernt hat, dass seine Leiblichkeit in Teilen tabu, bä-bä oder Sünde ist, der wird es als reifer Mensch nicht leicht haben, die Heimat, aus der er teilweise ausgetrieben wurde, ganz wiederzugewinnen; manche behalten lebenslange Narben oder offene Wunden in der Wahrnehmung ihres Selbstwerts.
Wie wir sehen, lässt sich die Frage der Leiblichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität nicht aus der Frage ausklammern, die mir eigentlich unter den Nägeln brennt: nach dem islamischen Erziehungsideal und nach den entsprechenden Erziehungsstilen. Ich werde diese Frage demnächst formulieren.
Fürs erste
liebe Grüße
J.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
(*) Liedloff, Jean : Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. (The Continuum Concept.) München: Beck, (1980) 2005. S. 194 f.
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 11:47 |
|
|
|
|
 |
Leon
Stammposter
gesperrt

Beiträge: 699
Herkunft: proletarisch
|
Geschrieben:
31.03.2006 20:25 |
|
|
Hallo,
es war heute das Top-Thema in den Nachrichtungen von ARD/ZDF/RTL/SAT1: Die unhaltbaren Zustände an der Rütli-Hauptschule in Berlin www.tagesspiegel.de/berlin/archiv/30.03.2006/2441624.asp
Deshalb steht diese "Bildungseinrichtung" seit heute unter Polizeischutz - ein bisher einmaliger, aber durchaus nicht unerwarteter Fall in Deutschland.
Nun möchte ich nicht gerade behaupten, dass diese Schüler - 83% mit Migrationshintergrund, insgesamt mehr als ein Drittel Araber und ein gutes Viertel Türken - das islamische Bildungsideal (gibt es das überhaupt?) verwirklichen würden.
Dennoch sind die gravierenden Anpassungsschwierigkeiten insbesondere von Kindern und Jugendlichen aus islamisch geprägten Ländern in dt. Schulen mittlerweile sprichwörtlich und längst wissenschaftlich belegt (u.a. Kriminologisches Institut Niedersachsen, dort mit weiterem Nachweis)
Die Ursachen dafür werden u.a. in einem strengen, repressiven und patriarchalischen Erziehungestil gesehen, der es diesen Kindern nahezu verunmöglicht, sich in einer libertären Umgebung zu beheimaten.
Daher frage ich mich, inwieweit die Vermittlung von islamischen Werten den Erziehungsstil der Eltern dieser Kinder beeinflusst.
MfG
Leon
____________________________________
|
|
|
|
|
 |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
07.04.2006 00:25 |
|
|
Liebe Muslimas dieses Forums,
ich bitte euch herzlich um eure Stellungnahme zu der folgenden Fernsehdiskussion, insbesondere unter den Gesichtspunkten der Sittlichkeit und der Sittlichkeitserziehung. Wenn ihr Mutter seid, würde mich euer offenes Wort besonders interessieren.
Mit freundlichem Gruß
Johanna
Quote: MEMRI Special Dispatch – 6. April 2006
Frauen zwischen Tradition und Modernisierung (III):
Ägyptische Gelehrte diskutieren im kuwaitischen Fernsehen über Beschneidung
Landläufig gilt die Beschneidung in Ländern wie Ägypten, wo bis heute der größte Teil der muslimischen aber auch der christlich-koptischen Mädchen verstümmelt wird, als religiöses Gebot. Obwohl KritikerInnen des Brauchs darauf verweisen, dass es sich um eine vorislamische Praxis handele, wird die Beschneidung von vielen orthodoxen Religionsvertretern verteidigt. Sie sei, so eines der zentralen Argumente, notwendig zum Erhalt von Sitte und Moral in der Gesellschaft. Trotz vieler Versuche von NGOs und auch Staatsführungen, gegen die Beschneidung vorzugehen, halten große Teile der Bevölkerung in afrikanischen Staaten, wo sie vor allem praktiziert wird, an diesem Brauch fest.
[Differenziert wird dabei häufig zwischen verschiedenen Formen der Beschneidung, die vom Anritzen der Klitoris bis zur vollständigen Entfernung von Klitoris und inneren Schamlippen sowie dem Zusammennähen der äußeren Schamlippen (Pharaonische Beschneidung) reichen. Meist wird sie nicht von Ärzten oder Ärztinnen sowie mit Instrumenten wie Rasierklingen und ohne Narkose durchgeführt.]
[MEMRI dokumentiert] Ausschnitte aus einer Sendung des kuwaitischen Fernsehens, in der über die Beschneidung debattiert wird. Teilnehmer der Diskussion sind Dr. Muhammad Wahdan, Dozent an der Al-Azhar Universität in Kairo sowie die ägyptische Universitätsdozentin für islamisches Recht, Dr. Malika Zarrar. Ausgestrahlt wurde die Sendung am 28. März 2006 von Al-Rai TV.
____________________________________________________________
Dr. Muhammad Wahdan: Einmal rief mich ein Mädchen an [...] und sagte: "Wenn ich mit der U-Bahn fahre und enge Jeans trage...". Die U-Bahn in Ägypten rüttelt ja so stark [...]. Sie meinte: "Das erregt mich dann sehr, was soll ich tun?" [...] Ich habe einen Arzt gefragt, der mir sagte, dass die Klitoris dieses Mädchens wohl sehr hoch sitze und ein kleiner Teil abgeschnitten werden müsse. [...]
Wir müssen alle Mädchen zu einem muslimischen Arzt bringen, der darauf spezialisiert ist und bestimmt, ob sie eine Khifadh-Beschneidung brauchen oder nicht. Wenn ein Mädchen eine Beschneidung benötigt, sollten wir sie durchführen, und falls sie es nicht braucht, dann sollten wir es lassen. Soll ich etwa einen islamischen Brauch und ein Gesetz Gottes leugnen? [...]
Dr. Malika Zarrar: Der Prophet Muhammed hatte vier Töchter. Haben Sie je davon gehört, dass er eine von ihnen beschneiden ließ? [...]
Dr. Muhammad Wahdan: Das islamische Forschungszentrum der Al-Azhar-Universität veranstaltete am 14. November 1994 eine Tagung zur Beschneidung von Frauen – und ich habe den Beschluss hier bei mir, falls jemand eine Kopie haben will. Das war nachdem CNN einen Bericht über ein Mädchen in Ägypten ausgestrahlt hatte, das auf brutalste Art beschnitten wurde... Dieser Bericht hat die Angelegenheit erst in die Öffentlichkeit gebracht, weil der Westen uns seine Kultur und Philosophie aufzwingen möchte... Das Forschungszentrum, also die höchste religiöse Autorität der islamischen Welt, kam zu dem Schluss, dass die Beschneidung von Frauen, die Khifadh-Beschneidung, im Islam legal ist und nicht verboten oder als Verbrechen betrachtet werden darf.
[...]
Moderatorin:] Haben Sie Töchter?
Dr. Muhammad Wahdan: Ich habe keine Töchter. Ich wünschte, ich hätte welche.
Dr. Malika Zarrar: Gut, dass Sie keine haben.
Dr. Muhammad Wahdan: Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich sie beschneiden lassen.
Dr. Muhammad Wahdan: Im Jahr 2001 führte das Zentrum für Bevölkerungsforschung der Al-Azhar- Universität eine Untersuchung über die Keuschheit ägyptischer Mädchen und den Zusammenhalt der ägyptischen Familie durch. Sie nahmen eine repräsentative Stichprobe der ägyptischen Gesellschaft und legten Kriterien zur Bestimmung der Keuschheit ägyptischer Mädchen fest.
Das erste Kriterium war die Khifadh-Beschneidung der Mädchen, das zweite ihre Sittsamkeit. Beim dritten Kriterium ging es darum, wie Mütter das Verhalten ihrer Töchter bewerten. Und als letztes um die Einhaltung der Gebete. [...]
Moderatorin:] Wird denn das Mädchen gefragt, ob es beschnitten werden möchte oder nicht?
Dr. Muhammad Wahdan: Nein. Wir fragen den Arzt und der entscheidet.
[...]
Moderatorin:] Was ist also mit dem Willen des Mädchens?
Dr. Muhammad Wahdan: Was meinen Sie?
Moderatorin:] Was ist, wenn sie sagt: Ich möchte nicht beschnitten werden. Was passiert dann?
Dr. Muhammad Wahdan: Sie ist frei, das ist kein Problem.
Moderatorin:] Aber ist das in Wirklichkeit so?
Dr. Muhammad Wahdan: Mir geht es nicht um die Realität. Ich spreche davon, wie die Dinge sein sollten.
Moderatorin:] Sie sind ein religiöser Scheich der Al-Azhar Universität, da können Sie doch nicht sagen, dass es Ihnen nicht um die Realität geht.
Dr. Muhammad Wahdan: Die Realität ist ein Fehler. Wir müssen sie korrigieren. [...] Sehen Sie, in Ägypten gibt es viereinhalb Millionen alte Jungfern. Dass sind Frauen, die das 30. Lebensjahr erreicht haben, ohne jemals einen Heiratsantrag erhalten zu haben. Wir haben also ein Jungfernproblem in der arabischen Welt und das Letzte, was wir wollen ist, dass sie sexuell erregt sind. Eine Beschneidung macht die Mädchen, bei denen sie erforderlich ist, keusch, würdig und rein.
____________________________________________________________
[Hervorhebungen von mir, J.]
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 11:56 |
|
|
|
|
 |
Hans Sauer
Stammposter
-

Beiträge: 1.655
Herkunft: nördlicher Mittelmeer-Raum
|
Geschrieben:
07.04.2006 09:36 |
|
|
Liebe Johanna,
Niemand in diesem Forum hat jemals die Mädchenbeschneidung befürwortet. Was bezweckst du mit diesem hanebüchenen Interview?
Hans, zunehmend sauer
____________________________________
Gott ist schön und liebt die Schönheit.
|
|
|
|
|
 |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
07.04.2006 11:06 |
|
|
Quote: Niemand in diesem Forum hat jemals die Mädchenbeschneidung befürwortet. Was bezweckst du mit diesem hanebüchenen Interview?
Lieber Hans,
tut mir leid, wenn du zunehmend sauer bist. In diesem Zustand ist erfahrungsgemäß die Fähigkeit zum Mitdenken beeinträchtigt. Hast du es schon einmal mit Bullrichsalz versucht?
Ich bat, passend zum Threadtopic "Kindesbild und Erziehung im Islam", um 00:25 um eine Stellungnahme insbesondere unter den Gesichtspunkten der Sittlichkeit und der Sittlichkeitserziehung. Ich möchte nämlich, falls du es gestattest, unter anderem mithilfe dieses Forums verstehen lernen, welches Menschenbild, insbesondere welches Kindesbild maßgeblich für islamische Erziehung ist. Darüber, dass der Islam und folglich auch die islamische Erziehung über alle Maßen facettenreich ist, benötige ich keine Belehrung mehr; wohl aber bin ich hochmotiviert zu erfahren, wie Muslime, die in der gleichen Gesellschaft leben wie ich, zu verschiedenen islamisch begründeten Erziehungsidealen und -praktiken stehen.
An dieser Stelle geht es mir nicht um die Bewertung der Mädchenbeschneidung, sondern ich erbitte Stellungnahmen zu dem bestimmten Menschenbild, zu der bestimmten Sittlichkeits- und Gesellschaftsvorstellung und zu dem daraus abgeleiteten Erziehungskonzept, womit jene (kulturkriminelle) Handlung religiös begründet wird. Entsprechende Stellen habe ich in dem Diskussions-Transkript fett hervorgehoben, damit es - meinetwegen auch dir, Hans - gut ins Auge springt.
Im übrigen sprach ich ausdrücklich die Muslimas dieses Forums an und habe meine Gründe dafür, die, wie ich bisher meinte, gerade du akzeptieren könntest. Allerdings ist mir nicht nur durch Hörensagen bekannt, dass es, was die bevormundungsfreie Meinungsäußerung von Muslimas betrifft, eine bestimmte Bewand(t)nis hat; die freilich akzeptiere und respektiere ich nicht.
Und nun lass mal die Muslimas ran.
Johanna, zunehmend basisch
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 11:58 |
|
|
|
|
 |
Muslima
Stammposter
-

Beiträge: 269
Herkunft: Rhein-Main
|
Geschrieben:
07.04.2006 19:34 |
|
|
Quote: Ob das Kind sein beseeltes körperliches Selbst als ganzheitlich gewürdigt empfinden kann oder etwa der Nötigung ausgesetzt ist, sein Lustempfinden und Luststreben als etwas Unerwünschtes oder Abgelehntes auszugrenzen, bedeutet viel für die Entwicklung eines Bewusstseins der eigenen Würde als heiler Mensch, als wohlgeschaffenes Geschöpf, als liebenswerte(r) Liebende(r) in der Beziehung zu einem ebenfalls würdevollen, wohlgeschaffenen, liebenswerten Du. Wer als Kind gelernt hat, dass seine Leiblichkeit in Teilen tabu, bä-bä oder Sünde ist, der wird es als reifer Mensch nicht leicht haben, die Heimat, aus der er teilweise ausgetrieben wurde, ganz wiederzugewinnen
Hallo und Salam.
Liebe Johanna,
irgendwie klingt es für mich an, als ob du glaubst, dass im Islam der Körper oder Teile davon, oder Lustempfinden oder Begierde als tabu, Sünde, haram gelten würden.
Dem ist nicht so.
Das wird aber in unserer Gesellschaft gerne missverstanden.
Der Islam bejat den Körper und die Sexualität, lenkt sie aber in bestimmte Bahnen.
Die Notwendigkeit, zur Lustbefriedigung mit mehreren Partnern herumzuprobieren sieht der Islam nicht.
Um seine Sexualität auszuüben, bedarf der Mensch nicht täglich oder wöchentlich einen neuen Partner, aber: er bedarf eines Partners, wenn das Ausleben der Sexualität nicht auf den eigenen Körper beschränkt werden soll.
Im Wissen um das Bedürfnis nach Sexualität, ergeht die Empfehlung, uns einen Partner zu suchen: zu heiraten,
wenn wir körperlich reif sind (also auch sexuelles Verlangen überhaupt vorhanden ist) und
wenn wir geistig reif sind (wenn wir die Konsequenzen (z.B. Familie) abschätzen und eigehen können).
Die Partner sind gegenseitig verpflichtet, nach Möglichkeit (aber nicht gegen den eigenen Willen) die Lust des anderen zu befriedigen, weshalb die Lustgewinnung/-abregung am eigenen Körper unerwünscht ist.
(Das kann aber wiederum sogar erwünscht sein, wenn zB ein Partner längere Zeit abwesend ist, oder gar kein Ehepartner vorhanden ist, wenn/weil dadurch Ehebruch/außerehelicher Verkehr vermieden wird.)
Sollte der gewählte Partner dauerhaft die sexuelle Lust oder den eventuell vorhandenen Kinderwunsch nicht befriedigen (können), so kann auf legale Weise ein neuer Partner gesucht werden (im Islam ist "Impotenz" durchaus ein Scheidungsgrund).
Quote: Wir haben also ein Jungfernproblem in der arabischen Welt und das Letzte, was wir wollen ist, dass sie sexuell erregt sind. Eine Beschneidung macht die Mädchen, bei denen sie erforderlich ist, keusch, würdig und rein.
Gerne meinen Männer, dass es bei Frauen des äußeren Einfriffs bedarf, um die Keuschheit zu waren (ob der Herr da wohl den Männern auch eine Kastration empfiehlt?...)
Da im Islam außerehelicher Verkehr untersagt ist, meinen solche Männer womöglich, sie würden der Frau einen Gefallen tun, wenn sie ihre Lust(fähigkeit) vernichten, und diese dadurch nicht gefahrlaufen, zu sündigen.
Der Koran, und in den Hadith der Prophet empfehlen jedoch so etwas nirgends, sondern vielmehr, sich in Fasten und Gebet an Gott zu wenden, der dann für Abhilfe schafft. Und wie die aussieht, überlassen wir wohl am Besten Ihm.
Waassalam. Muslima
____________________________________
"Und so Gott es wollte, wahrlich, er machte euch zu einer einzigen Gemeinde;
doch will Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben.
Wetteifert darum im Guten.
Zu Gott ist eure Heimkehr allzumal,
und Er wird euch aufklären, worüber ihr uneins seid. "
Sure 5, 48
|
|
|
|
|
 |
kornpicker
Stammposter
-

Beiträge: 937
Herkunft: us dem jecken Kölle
|
Geschrieben:
08.04.2006 13:53 |
|
|
Liebe Johanna,
auch wenn ich selbst keine Muslima bin, möchte ich zum Beitrag von Muslima ergänzen, dass in islamischen Ländern wie Mali, Burkina Faso und Niger zunehmend lokale Aktivitätsgruppen von Muslimas gibt, die in Übereinstimmung mit lokalen Geistlichen die Tradition des FGM zunehmend erfolgreich bekämpfen. Wenn einzelne Abgeirrte Ägyptens solch grausame Praktiken noch befürworten, dann nur aus falschem Stolz gegenüber dem als herumbesserwissend empfundenen Westen. Das ging ja aus dem Interview deutlich hervor.
Herr Wahdan behauptet zwar, dass es 1994 einen Beschluss der al-Azhar Moschee dazu gibt, nach dem FGM im Islam legal ist, unterschlägt dabei aber, dass der Oberste Gerichtshof Ägyptens 1997 FGM verboten hat. Alle Überlieferungen haben nach mehrheitlicher Meinung den Status "schwach" (da'if), sind also nicht bindend (dazu gehört auch der Spruch des Propheten, dass man beim Khafd nicht übertreiben soll, wenn dieser schon sein müsse). Weiterhin gibt es unter den Gelehrten kein Idjma dazu, auch wenn vielleicht ein zurückgebliebener Mufti meint, dazu eine Fatwa ausstellen zu müssen. Das stärkere Argument ist jedenfalls gegen diese Praxis, nämlich, dass kein körperlicher Schaden zugefügt werden darf (Hadith nach Abu Sa´id ibn Malik Sinan al-Khudri).
kp
____________________________________
لا إله إلا الله وحده لا شريكله
|
|
|
|
|
 |
Elisabeth
Stammposter
-

Beiträge: 30
Herkunft: Bayern
|
Geschrieben:
11.04.2006 20:41 |
|
|
Salam, Johanna
ich fragte mich ebenfalls, was du mit diesem Post bezwecken wolltest.
Als ich die Überschrift las, dachte ich an die männliche Beschneidung, die in vielen Kulturkreisen üblich ist.
das Entfernen der weiblichen Klitoris oder nur einem Teil davon ist keine harmlose Beschneidung sondern eine Genitalverstümmelung.
Diese ist ebenso wenig akzeptabel, wie andere Blüten, die der Jungfäulichkeitskult treibt - Gynäkologen/innen, die auf Wiederherstellung des Hymens spezialisiert sind.
Keuschheit ist keine Frage vom Vorhanden oder Nichtvorhandensein gewisser Körperteile sondern ein Frage des eigenen verhaltens dem anderen Geschlechts gegenüber. Und das beschränkt sich nicht auf die weibliche Hälfte der Bevölkerung.
"Sagt den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke senken sollen udn sagt den gläubigen Frauen, dass sie ihre Reize niemandem zeigen sollen außer ihren Ehemännern, Vätern Söhnen..." So steht es im Koran. Wobei ganz klar zuerst die Männer angesprochen wurden!
Zum Lustempfinden in der Ehe gibt es eine Überlieferung, in der der Prophet seinen gefährten erklärt, dass es für ehelichen Verkehr göttliche Belohnung gebe. die Gefährten waren überrascht dass für etwas, was beiden Beteiligten lustgewinn bringt auch noch eine göttliche Belohnung wartet. Die Antwort des Proppheten lautete: Eine außereheliche Beziehung ist verboten, darauf wartet Strafe von Allah. Umgekehrt, wenn ihr etwas Erlaubtes tut, so wartet darauf Belohnung von Allah!
Ehelicher Lustgewinn ist also erlaubt und erwünscht.
Es gibt auch eine andere Überlieferung, in der der Prophet einen Ehemann, der seine ehelichen Pflichten vernachlässigte, da er tagsüber mit Fasten und nachts mit Gebet beschäftigt war, verpflichtete, sich drei Tage in der Woche nur mit seiner Ehefrau und deren Bedürfnissen zu beschäftigen!
In diesem Zusammenhang gibt es auch Anweisungen zur Empfängnisverhütung - z.B. Koitus interruptus erlaubte der Prophet, wenn dadurch das Lustempfinden der Frau nicht geschmälert wurde.
Dass eine unverheiratete Frau mit dem Erhalt ihrer Genitalien unwürdig und unrein sei, entstammt wohl der Fantasie eines Scheichs, der mit der Realität, wie er selber sagt, nciht wirklich etwas zu tun hat!
Dass es sich bei der Genitalverstümmelung ganz klar nicht um einen islamischen Brauch handelt, zeigt die Tatsache, dass sie in den meisten islamsichen Kulturkreisen unbekannt ist. Praktiziert wird sie meines Wissens in Somalia, Sudan und Ägypten. Als diese Völker den Islam angenommen hatten konnten sie sich von einigen ihrer barbarischen Riten offensichtlich nicht trennen. Die islamsiche Geistlichkeit hat dies wohl stillschweigend geduldet.
Salam
Elisabeth
____________________________________
Tut nicht Unrecht, auf dass ihr kein Unrecht erleidet. Koran 2/279
|
|
|
|
|
 |
Marjam
Stammposter
-

Beiträge: 468
Herkunft:
|
Geschrieben:
07.05.2006 18:07 |
|
|
Es gibt in Afrika übrigens auch christliche Gemeinden, welche die Verstümmelung des weiblichen Genitals propagieren.
____________________________________
|
|
|
|
|
 |
Johanna
Stammposter
-

Beiträge: 1.090
Herkunft:
|
Geschrieben:
18.03.2007 13:17 |
|
|
Es geht mir um grundsätzliche ethische und pädagogisch-psychologische Fragen und ihren religiösen Hintergrund. Dass die Ideologie und die Praxis der Genitalverstümmelung nicht religionsspezifisch ist, müsste jedem bekannt sein. Inwiefern aber die Motive dieser Unkultur teilweise deckungsgleich sind mit religiös begründeten Moralnormen (garantierte körperliche Keuschheit des geschlechtsreifen, unverheirateten weiblichen Menschen; weibliche Jungfräulichkeit bei Ehebeginn; Männer-Kontrolle über die weibliche Sexualität) halte ich für eine Frage, der - polemikfrei und differenziert - nachgegangen werden sollte. In einem vorbehaltlosen Diskurs über das Menschenbild im allgemeinen und das Frauen- und Kindesbild im besonderen wird es sich nicht vermeiden lassen, die religiösen Begründungen und die lebenspraktischen Konsequenzen dieser Moralvorstellungen kritisch zu betrachten. Mir ist aber nicht in erster Linie an einer solchen Kritik gelegen; vielmehr möchte ich verstehen, wie und mit welchen prägenden Auswirkungen Kinder und (unverheiratete) Jugendliche sowie deren Eltern fertigwerden oder nicht fertigwerden mit der Spannung, die zwischen der auch auf das Sexuelle gerichteten kindlichen und vorehelichen Sinnlichkeit einerseits und der islamisch-moralischen Ausschließlichkeit ehelichen Sexuallebens andererseits besteht.
Ich erneuere diese Frage hier aus gegebenem Anlass. Im Kopftuch-Thread behauptete Walter, dass "stillschweigend moslemischen Jungs zugestanden wird, dass sie sich sexuell mit den deutschen Frauen ohne Kopftuch sexuell 'austoben' dürfen, wenn sie nur später eine 'anständige Muslima' mit Kopftuch heiraten". Ich richtete an die Muslime die Frage, wie sie zu dieser Behauptung stünden. Eine ehrliche Beantwortung dieser Frage sei nicht zu erwarten, meinte Leon. Er hatte mit seinem Unkenruf unrecht. Auf die Frage wurde überhaupt nicht eingegangen. Sicherlich aus Zeitgründen.
Der Zusammenhang zwischen Walters Behauptung und der Frage der muslimischen Moralerziehung ist ja aber doch nicht von der Hand zu weisen. Ich wiederhole daher hier meine (allgemein gehaltene)
These: Moralisch unreife Individuen kompensieren den Anspruchsdruck moralischer Tugendnormen, indem sie ihre moralisch gedeckelte Unmoralität auf Personen projizieren, die den unterdrückenden Moralnormen offensichtlich nicht verpflichtet sind. Dadurch machen sie ihnen unmoralisch erscheinende Menschen zur Spielwiese ihrer eigenen Unmoral.
In dem Maße, in dem Anhaltspunkte für die Gültigkeit dieser These gefunden werden können, muss sich die Aufmerksamkeit des gesellschaftspolitischen und ethischen Diskurses auf die Erziehung richten, die in ihrem notwendigen Beitrag für die moralische Entwicklung der Heranwachsenden gerade dort versagt, wo sie nichts als strikt-normativ ist.
Dieser Frage nachzugehen, halte ich für ein wesentliches Betätigungsfeld dieses Forums.
Ich beziehe meinen Beitrag vom 26.03.2006 22:32 im Thread "Kufr" ein, in dem ich anregte, sich um ein Verstehen der psychologischen Mechanismen zu bemühen, die Menschen in einen religiösen Fundamentalismus führen. Meine Vermutung, dass eine Kompensation einer Ängstlichkeit dahintersteht, die auf eine misslungene Kindheit, auf eine nicht zureichend abgeschlossene Kindheit oder auf eine nie ausgelebte Kindheit zurückgeht, hatte ich in meinem Beitrag "Angst und Religion" bereits geäußert: dass offenbar betont religiöses Denken dazu neige, die Angst, mit Makeln behaftet zu sein, und die Angst, wegen dieser Makel nicht angenommen und ohne Ende bestraft zu werden, zur Grundlage alles Erlebens und Handelns zu machen.
Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an den Thread "Sexualität im Islam", wo ich von der islamischen Auffassung, dass der eheliche Verkehr eine Sadaqa ist, und zwar auch für die Frau, wegen ihres Subjektseins, ausging und daran folgende Überlegung knüpfte: Quote: Nun ist die menschliche Sexualität aber an sich nicht auf eine bestimmte Partnerperson hin orientiert und wahrlich nicht wie ein gespannter Flitzebogen geradlinig auf den Geschlechtsverkehr gerichtet. Vielen fehlt ein Ehepartner. Das kann verschiedene Gründe haben, von denen zum Beispiel der Witwer im fortgeschrittenen Alter betroffen ist, der sich nicht zu dem Risiko entschließen kann, das er mit einer erneuten Brautschau einginge, oder die dreißigjährige Frau, die sich dem verhängnisvollsten Irrtum ihres Lebens, ihrem Ehemann, aus Selbstachtung entziehen muss, oder, last but not least, der vierzehnjährige Jugendliche, der gar nicht weiß, wohin mit seiner aufstrotzenden Sexualität. Sofern die exemplarisch genannten Personen nicht in Isolationshaft einsitzen oder ein Einsiedlerleben fernab menschlicher Gemeinschaft führen, ist es eher unwahrscheinlich, dass aus ihren zwischenmenschlichen Begegnungen nicht Liebesbeziehungen erwachsen; in Liebesbeziehungen aber sucht und findet auch Sexualität ihr Betätigungsfeld.
Wenn ich sage: "Liebesbeziehung", dann meine ich Liebesbeziehung mit der Perspektive des, bildlich gesprochen, auf ewig geöffneten Himmels, nicht etwa Mietverhältnis oder Nutzungsbeziehung auf Gegenseitigkeit oder Unterhaltung. Unter dieser Voraussetzung halte ich den Einschluss von Sexualität in eine Liebesbeziehung für sittlich recht. Religiös gesprochen sehe ich es so, dass es von unschätzbarem Wert ist, in der unverkürzten, nämlich geistigen, herzlichen und sinnlichen Liebe zu und von einem Menschen das Einbeschlossensein in die unendliche göttliche Liebe erahnen zu können.
Zum Thema "Regeln und Moral im Islam" verdanken wir Iman folgendes Zitat: Quote: God's law -shari'a- is about a process, methodology and morality. At the core of this morality is the value of beauty. Human understanding of the law -fiqh- engages the process and searches the various normative values of shari'a, but human understanding can never be the embodiment of God's beauty. Furthermore the rules are the product of the human attempt at understanding, but they do not represent God's beauty. As I argue in this book, the positive commandments or rules delineate the outer boundaries of proper behaviour, but they do not articulate the substance and soul of Islamic morality. The rules are the fringe of Islamic morality, they are the external shell that do not express or create substance. The rules are about boundaries. The boundaries could be the product of an attempt to to give effort to a certain morality, or they could be the product of circumstance or convenience. Although the rules may have been inspired by a moral vision or normative ideas, they do not express a moral vision or ethos. Put differently: piety creates and pursues the rules but rules do not create piety.
(Aus Conference of the Books by Khaled Abou El Fadl)
Diesen Text halte ich für sehr beachtlich. Dergleichen vernehme ich im Konzert islamischer Stimmen nicht häufig:
1. Die (islamische) Sittlichkeit ist im Kern der in der Schönheit Gottes liegende Wert.
2. (Islamische) Sittliche Regeln sind das Werk von Menschen, die sich einem Verständnis des Kerns anzunähern versuchen.
3. Die (islamischen) sittlichen Regeln können als Menschenwerk niemals den Kern verkörpern oder das Wesen der islamischen Sittlichkeit zum Ausdruck bringen.(!) Vielmehr dienen sie nur als Anhaltspunkte (Saum, äußere Schale, Grenzlinien) für denjenigen, der sich um Sittlichkeit bemüht.
4. Daher schafft Frömmigkeit sich Regeln und geht ihnen nach; keinesfalls schafft ein Regelwerk Frömmigkeit.
(Hoffentlich liegt in meiner freien Übersetzung kein Verständnisfehler.)
Ich hielte es für sehr fruchtbar, wenn hier nun die Konsequenzen entwickelt würden, die aus einer derartig hergestellten Beziehung zwischen Religion und Moral für die religiöse und moralische Erziehung zu ziehen sind.
____________________________________
bearbeitet von Johanna am 14.08.2008 12:04 |
|
|
|
|
 |
|
|
Bei Antworten zu diesem Thema benachrichtigen
|
Du kannst keine Themen in dieses Forum schreiben Du kannst keine Antworten auf Themen in diesem Forum antworten Du kannst nicht deine Beiträge in diesem Forum bearbeiten Du kannst nicht deine Beiträge in diesem Forum löschen
|
Design by phpBB 2.0.0 © 2001 phpBB Group
|